Götterdämmerung

Die letzte Sendung von Günther Jauch kam hochkarätig daher. Denn Ehrengast war Yanis Varoufakis, Finanzminister der Herzen, live zugeschaltet aus Athen, eine volle Stunde.

Eine Stunde, die er sich neben dem Moderator mit dem bayrischen Finanzminister Markus Söder (CSU), Ulrike Herrmann (taz. Wirtschaftskorrespondentin) und Ernst Elitz teilte, dem ehemaligen Intendanten des Deutschlandradios und als BILD-Kolumnist nun Mitverantwortlichen für die aktuelle Hetze gegen Griechenland.

Wie zu erwarten, rückte man den Fokus zuerst auf die deutschen und europäischen Hilfszahlungen. Wo die versickern und wer hier eigentlich wofür zahlt, machte Frau Herrmann  klar. Während Elitz was von schwarzen Löchern wissen will, in denen das Geld verschwindet, erläutert Hermann den Geldkreislauf. Das Darlehen der Institutionen werde ausgezahlt, um unmittelbar wieder an die Banken zurückgezahlt zu werden. Die Deutschen zahlten also nicht die Griechen, sondern deutsche Banken. Die Rollenverteilung ist offensichtlich, die linkssoziale Journalistin zeigt sich solidarisch, CSUler Söder grantelt um des Grantelns willen, hat letztendlich aber auch nichts großartig zu beanstanden.

Nur einmal scheint er das Bollwerk aus Souveränität und Bestimmtheit von Yanis Varoufakis kurz ins Wanken zu bringen, als er Jürgen Schulz’ Statement unterstreicht, SYRIZA solle die Rechtsradikalen aus der Regierung schmeißen. Da sieht man den Griechen, für einen Augenblick stirnrunzeld, leicht vergrätzt antworten, das möge man doch bitte der griechischen Regierung überlassen. Man schreibe den Deutschen ja auch nicht vor, mit dem sie zu koalieren haben. Immer bestimmt, immer freundlich, immer lächelnd.

Dann schmeißt Ulrike Hermann noch einen Satz in den Raum, so einen ungewissen, dessen Wirkung ein wenig im Raum zirkuliert: Das Geld, das Griechenland der EU schuldet, ist weg. Ganz prägnant formuliert sie das, provokant fast. Da weiß man gar nicht mehr, wer jetzt hier für wen einsteht.
Günther Jauch nimmt das mit Kusshand. Ist das Geld wirklich weg, Herr Varoufakis?
Sekundenlanges Schweigen. Die Zeitverzögerung aus Athen pointiert die Situation, die Journalistin setzt nochmal an, lacht, ahnt, versucht sich zu erklären, da ergreift der Grieche schon das Wort. Man müsse jetzt zusammenarbeiten, die griechische Bevölkerung nicht zu Tode sparen und einen gemeinsamen Plan ausarbeiten, damit Griechenland seine Schulden bezahlen kann. Kein Ja, kein Nein. Eine Brise Beunruhigung weht über den glatzköpfigen Block grinsenden Granits, diesen griechischen Bruce Willis, als er sich erklärt, dann verfliegt sie so schnell, wie sie gekommen war.

Ein Schnappschuss wird nun thematisiert, welcher von der BILD letztlich verwendet wurde. Ein Ausschnitt eines Videos zeigt den Finanzminister 2013 bei einer Rede, wie er vermeintlich den Mittelfinger hochhält und sagt: „My proposal was that Greece should simply announce that it is defaulting — just like Argentina did — , within the Euro, in January 2010, and stick the finger to Germany and say: „Well, you can now solve this problem by yourself.“

Eine Provokation – die laut Varoufakis auf einer Fotomontage beruht. Gelogen und zusammengebastelt. Er beteuert jedenfalls, diese Situation hätte so niemals stattgefunden. Ob das stimmt, sei dahingestellt. Ob es wirklich von Belang wäre, wär es so passiert, auch.
Auch die augenblicklich mit der Recherche beauftragte ARD-Redaktion konnte bis Sendungsende nichts herausfinden.

Auf eine fragwürdige Szene zum Thema machte jedoch Stefan Niggemeier schnell nach der Sendung aufmerksam. Denn was der Minister im Video erzählte, bezog sich auf die Zeit und Regierung von 2010. Die ohnehin oft nicht ganz schlüssig wirkende Übersetzung des Kommentators lässt diesen Punkt offen – und räumt damit die Möglichkeit ein, das Gesehene auf die aktuellen Geschehnisse zu beziehen.

Schließlich geht man über zum Thema der Reparationsforderung Griechenlands an Deutschland.
Grundlage für diese ist ein zu NS-Zeiten aufgenommener Zwangskredit über 476 Millionen Reichsmark. Der heutige Wert beläuft sich laut mehreren Quellen auf irgendeine Summe zwischen 3,5 Mrd. Dollar, 11, 75 oder 162 Mrd. Euro, je nach deutscher oder griechischer Rechnung. Die hätten laut dem Londoner Schuldenabkommen von 1953 bezahlt werden müssen, und zwar nach vollzogenem Friedensvertrag. Da jedoch der mit der Einheit abgeschlossene 2+4-Vertrag nicht als solcher gilt, sind alle nun ein wenig konfus und keiner weiß genau, was los ist.

Die Bundesregierung jedenfalls erkennt keinen rechtlichen Anspruch, sagt Walter Steinmeyer, dessen Meinung auch Ernst Elite teilt. Die griechische Regierung hätte Einspruch einlegen müssen, sagt er.
Das ist korrekt und laut ZDF bereits geschehen, und zwar im Jahr 1995. Juristisch ist damit dennoch nichts geklärt.

Dass bei so viel Unklarheit noch diskutiert werden muss, ist völlig klar.
Yanis Varoufakis nutzt jedenfalls die Möglichkeit, zu betonen, wie wichtig eine endgültige Klärung der Zahlungen ist und dass es sich hier doch zuallererst um ein moralisches Anliegen handle und das man diese Zahlungen und die Euro-Krise doch trennen sollte. Da stimmt ihm sogar Ernst Elitz zu. Nachdem dann noch als möglicher Verwendungszweck eine Stiftung zur deutsch-griechischen Verständigung erwägt wird, ist der Herr Minister begeistert und alle anderen zufrieden, sogar Herr Söder muss schmunzeln.

Dann fällt noch diese Riege an glorreichen Begriffen, man spricht von den Vereinigten Staaten von Europa und dem großen europäischen Gedanken, singt Loblieder auf Wolfgang Schäuble und propagiert Einigkeit.
Mit Pathos wurde nicht gegeizt, keinerlei tiefere Gefühle verletzt und kam auch nicht viel Neues bei der Sache rum, der Dialog war da. Und letztendlich fühlt man sich auf beiden Seiten ein bisschen mehr verstanden; vielleicht. Es wäre wünschenswert.

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