The Dick Pic Program

Edward Snowden hat bereits einige Interviews gegeben. Interviews, auf die die Welt oft mit brennendem Interesse schaute. Wie zum Beispiel das groß angekündigte Snowden exklusiv der ARD, welches als das erste geführte Interview seit dessen Flucht aus Hong Kong gepriesen wurde. Herum kam hier, wie bei den meisten, nichts, was wir nicht schon wussten oder uns aus den Stück für Stück geleakten Informationen selbst zusammenreimen konnten. Es wurden keine brisanten Fragen gestellt, die nötig gewesen wären für den investigativen Journalismus. Doch was ist eigentlich investigativer Journalismus?
John Oliver, Host der HBO Late-Night-Show „Last Week Tonight“, könnte nun ein eigenes Essay darüber schreiben, in dem die Worte dreist, Witz und albern vorkommen, und man müsste ihm recht geben. Denn er hat geschafft, was vor ihm so schwer schien. Was dabei herumkam, ist ein abstruses wie aufschlussreiches Interview mit einem der großen Helden unserer Zeit, dessen Fokus ein Echo hinterlässt und uns neue Richtungen vorgibt in der Frage, wie mit dieser Masse an Wahrheiten umzugehen ist. Und was die Schwierigkeiten dabei sind.
Dabei ist Oliver gar kein Journalist. Streng genommen ist er sogar lediglich ein Komiker, dient mehr zur Unterhaltung der Leute als ihnen zur Aufklärung. Dass jedoch jeder mit einer gewissen Reichweite aufklären kann, und dass das bisweilen einen größeren Effekt hat, wenn man nicht zur Presse gehört, hat der Showman eindrucksvoll bewiesen.

Zu jedem Stück investigativer Aufklärungsarbeit gehört zu allererst ein Problem. Schaut man sich den Snowden-Fall an, fallen einem schlagartig mehrere Probleme ein. Die USA und die 5-Eyes überwachen alles und jeden und keine Regierung tut etwas dagegen. Die Leute fühlen sich machtlos und nehmen es hin, oder verstehen es nicht und schotten sich ab. Oder sie denken wie ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung und sehen in Edward Snowden einen Staatsfeind und Landesverräter, den es zu ächten gilt. Alle diese Probleme wurden bereits zahlreich angeführt, besprochen und ignoriert. Klar, die ganze Welt weiß von Snowden und der Überwachung und sie wollen langsam nichts mehr davon hören. Weswegen John Oliver seine Show auch mit folgenden Worten einleitete: „Our main topic tonight ist gouvernment surveillance and I realize most people would rather have a conversation about literally any other topic.“
Denn er weiß um die sensibele Aufmerksamkeitsspanne der Menschen bei diesem Thema, wie jene um die Allgegenwärtigkeit der Überwachungsmaschinerie. Die Medien sind ja voll davon. Das Informationsbedürfnis gesättigt. Man weiß, worum es geht.
Aber wissen wirklich alle davon? Diese Frage stellte sich Oliver und liefert die Antwort gleich mit. In Form einer erschreckenden Umfrage am Time Square, in der keiner der (hier gezeigten) Befragten eine befriedigende Antwort auf die Frage liefern konnte, wer Edward Snowden sei. „Just for the record: That wasn’t cherry-picking“, erklärt Oliver ein wenig fassungslos. „That was entirely reflective of everyone we spoke to“.
So viel zum Thema das Informationsbedürfnis der Leute sei gesättigt.

Doch wie setzt man neue Maßstäbe in einer Diskussion, die so wichtig, so essenziell und verworren ist, dass es unmöglich scheint, sie vollends zu verstehen? Wie verpackt man weltbewegende Themen so, dass einem die Menschen zuhören? Wie macht man die Masse betroffen?
Die Antworten darauf gibt ein Interview, das es verdient, viral zu gehen:

Last Week Tonight with John Oliver: Gouvernment Surveillance (HBO)

Quo Vadis?

Am Dienstag, dem 24. März 2015, stürzte ein Airbus der Firma Germanwings ins Idyll der französischen Provence. Es starben 150 Menschen. 
Eine Tragödie, die zu begreifen noch nicht ansatzweise möglich war, als sich die ersten Schuldzuweisungen im Sand verliefen und nur noch Fassungslosigkeit übrig blieb.

Eine Tragödie auch, deren Aufklärung nun Einblicke in ein Ausmaß ihrer selbst erahnen lässt, das auf einen der größten Fälle menschlichen Versagens der neueren Zeit hinweisen könnte.
Und den möglichen Verantwortlichem zu einem Massenmörder der anderen Art machen würde.

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Auch am Tag zwei des Absturzes reißen die Meldungen nicht ab. Der Live-Ticker fließt zäh wie Sirup, doch genauso beständig, tropfenweise erreichen uns Meldungen über Sicherheitsstandards bei Flugzeugen, Sonderflüge für die Angehörigen und Schweigeminuten im Bundestag.
Es ist das typische Auf-dem-Laufenden-halten der Ereignisse, keine bahnbrechenden News, die in den morgendlichen Stunden durch das Netz getwittert werden.
Keiner will sich an voreilige Spekulationen heranwagen bei diesem fragilen Thema.

Gegen 12 Uhr mittags passiert etwas. Einer der Piloten hatte das Cockpit kurz vor dem Sinkflug verlassen, ließ der Staatsanwalt verlauten. Und kam bis zum Aufprall nicht wieder herein.
Dann geht alles ganz schnell, die Meldungen überschlagen sich. Der Co-Pilot saß alleine am Steuer. Die Tonaufnahmen der Blackbox zeigen, dass in den Minuten vor dem Aufprall manisch gegen die Cockpit-Tür gehämmert wurde. Techniker lassen verlauten, man hätte den Zugang zum Cockpit schon gezielt verhindern müssen, auch der Sinkflug-Knopf ließe sich nicht aus Versehen betätigen, ausgeschlossen. So ist die Faktenlage, heißt es. Keine Schlussfolgerungen.

Man konnte in diesen hektischen Minuten fühlen, was keiner in den Mund nehmen wollte.
Um 12:49 Uhr wagte die Tagesschau den Vorstoß. „Vorsetzlicher Absturz wahrscheinlich“, hieß es zaghaft. Drei Wörter, die den Tag verändern. Und der Katastrophe einen Namen geben.

Andreas Lubitz war 28 Jahre alt. Aufgewachsen im Rheinland begann er als Segelflugschüler, bevor er seine Leidenschaft zum Beruf machte. Airbus A320 Fan, bei der Lufthansa seit 2013, 630 Flugstunden, das sind die Zahlen. Das Warum erklären sie nicht.
Der Flugschreiber zeigt, in den letzten Minuten vor dem Aufprall hätte man nichts mehr gehört von Lubitz, außer beständiges Atmen. Keine Regung, keine Emotion.
Noch wagt es keiner, von Selbstmord zu reden. Starr vor Schreck und ob der Welle, die sich bräche, setzte man hiermit den Schlussstrich. Aufgestoßen wären die Türen, zu ergründen, zu erbrechen, zu erfragen, was es war, was ihn ergriff. Wo es herkam, welche Fehler.
Ergötzen am Abgrund der Menschlichkeit würden sich die Boulevard-Medien. Was treibt den Mensch, würde die Süddeutsche titeln.

Noch ist es nicht soweit. Der Schock sitzt tief, und es braucht, bis er sich löst, Zeit und Erkenntnisse. Wohin es führt, wissen wir noch nicht, doch wir werden es erfahren.
Was uns der Tag vermittelt? Der Geist des Menschen ist unergründlich.

Götterdämmerung

Die letzte Sendung von Günther Jauch kam hochkarätig daher. Denn Ehrengast war Yanis Varoufakis, Finanzminister der Herzen, live zugeschaltet aus Athen, eine volle Stunde.

Eine Stunde, die er sich neben dem Moderator mit dem bayrischen Finanzminister Markus Söder (CSU), Ulrike Herrmann (taz. Wirtschaftskorrespondentin) und Ernst Elitz teilte, dem ehemaligen Intendanten des Deutschlandradios und als BILD-Kolumnist nun Mitverantwortlichen für die aktuelle Hetze gegen Griechenland.

Wie zu erwarten, rückte man den Fokus zuerst auf die deutschen und europäischen Hilfszahlungen. Wo die versickern und wer hier eigentlich wofür zahlt, machte Frau Herrmann  klar. Während Elitz was von schwarzen Löchern wissen will, in denen das Geld verschwindet, erläutert Hermann den Geldkreislauf. Das Darlehen der Institutionen werde ausgezahlt, um unmittelbar wieder an die Banken zurückgezahlt zu werden. Die Deutschen zahlten also nicht die Griechen, sondern deutsche Banken. Die Rollenverteilung ist offensichtlich, die linkssoziale Journalistin zeigt sich solidarisch, CSUler Söder grantelt um des Grantelns willen, hat letztendlich aber auch nichts großartig zu beanstanden.

Nur einmal scheint er das Bollwerk aus Souveränität und Bestimmtheit von Yanis Varoufakis kurz ins Wanken zu bringen, als er Jürgen Schulz’ Statement unterstreicht, SYRIZA solle die Rechtsradikalen aus der Regierung schmeißen. Da sieht man den Griechen, für einen Augenblick stirnrunzeld, leicht vergrätzt antworten, das möge man doch bitte der griechischen Regierung überlassen. Man schreibe den Deutschen ja auch nicht vor, mit dem sie zu koalieren haben. Immer bestimmt, immer freundlich, immer lächelnd.

Dann schmeißt Ulrike Hermann noch einen Satz in den Raum, so einen ungewissen, dessen Wirkung ein wenig im Raum zirkuliert: Das Geld, das Griechenland der EU schuldet, ist weg. Ganz prägnant formuliert sie das, provokant fast. Da weiß man gar nicht mehr, wer jetzt hier für wen einsteht.
Günther Jauch nimmt das mit Kusshand. Ist das Geld wirklich weg, Herr Varoufakis?
Sekundenlanges Schweigen. Die Zeitverzögerung aus Athen pointiert die Situation, die Journalistin setzt nochmal an, lacht, ahnt, versucht sich zu erklären, da ergreift der Grieche schon das Wort. Man müsse jetzt zusammenarbeiten, die griechische Bevölkerung nicht zu Tode sparen und einen gemeinsamen Plan ausarbeiten, damit Griechenland seine Schulden bezahlen kann. Kein Ja, kein Nein. Eine Brise Beunruhigung weht über den glatzköpfigen Block grinsenden Granits, diesen griechischen Bruce Willis, als er sich erklärt, dann verfliegt sie so schnell, wie sie gekommen war.

Ein Schnappschuss wird nun thematisiert, welcher von der BILD letztlich verwendet wurde. Ein Ausschnitt eines Videos zeigt den Finanzminister 2013 bei einer Rede, wie er vermeintlich den Mittelfinger hochhält und sagt: „My proposal was that Greece should simply announce that it is defaulting — just like Argentina did — , within the Euro, in January 2010, and stick the finger to Germany and say: „Well, you can now solve this problem by yourself.“

Eine Provokation – die laut Varoufakis auf einer Fotomontage beruht. Gelogen und zusammengebastelt. Er beteuert jedenfalls, diese Situation hätte so niemals stattgefunden. Ob das stimmt, sei dahingestellt. Ob es wirklich von Belang wäre, wär es so passiert, auch.
Auch die augenblicklich mit der Recherche beauftragte ARD-Redaktion konnte bis Sendungsende nichts herausfinden.

Auf eine fragwürdige Szene zum Thema machte jedoch Stefan Niggemeier schnell nach der Sendung aufmerksam. Denn was der Minister im Video erzählte, bezog sich auf die Zeit und Regierung von 2010. Die ohnehin oft nicht ganz schlüssig wirkende Übersetzung des Kommentators lässt diesen Punkt offen – und räumt damit die Möglichkeit ein, das Gesehene auf die aktuellen Geschehnisse zu beziehen.

Schließlich geht man über zum Thema der Reparationsforderung Griechenlands an Deutschland.
Grundlage für diese ist ein zu NS-Zeiten aufgenommener Zwangskredit über 476 Millionen Reichsmark. Der heutige Wert beläuft sich laut mehreren Quellen auf irgendeine Summe zwischen 3,5 Mrd. Dollar, 11, 75 oder 162 Mrd. Euro, je nach deutscher oder griechischer Rechnung. Die hätten laut dem Londoner Schuldenabkommen von 1953 bezahlt werden müssen, und zwar nach vollzogenem Friedensvertrag. Da jedoch der mit der Einheit abgeschlossene 2+4-Vertrag nicht als solcher gilt, sind alle nun ein wenig konfus und keiner weiß genau, was los ist.

Die Bundesregierung jedenfalls erkennt keinen rechtlichen Anspruch, sagt Walter Steinmeyer, dessen Meinung auch Ernst Elite teilt. Die griechische Regierung hätte Einspruch einlegen müssen, sagt er.
Das ist korrekt und laut ZDF bereits geschehen, und zwar im Jahr 1995. Juristisch ist damit dennoch nichts geklärt.

Dass bei so viel Unklarheit noch diskutiert werden muss, ist völlig klar.
Yanis Varoufakis nutzt jedenfalls die Möglichkeit, zu betonen, wie wichtig eine endgültige Klärung der Zahlungen ist und dass es sich hier doch zuallererst um ein moralisches Anliegen handle und das man diese Zahlungen und die Euro-Krise doch trennen sollte. Da stimmt ihm sogar Ernst Elitz zu. Nachdem dann noch als möglicher Verwendungszweck eine Stiftung zur deutsch-griechischen Verständigung erwägt wird, ist der Herr Minister begeistert und alle anderen zufrieden, sogar Herr Söder muss schmunzeln.

Dann fällt noch diese Riege an glorreichen Begriffen, man spricht von den Vereinigten Staaten von Europa und dem großen europäischen Gedanken, singt Loblieder auf Wolfgang Schäuble und propagiert Einigkeit.
Mit Pathos wurde nicht gegeizt, keinerlei tiefere Gefühle verletzt und kam auch nicht viel Neues bei der Sache rum, der Dialog war da. Und letztendlich fühlt man sich auf beiden Seiten ein bisschen mehr verstanden; vielleicht. Es wäre wünschenswert.

The Kommissar is out and about

Wenn Günther Oettinger sein Haus verlässt, ist er nie allein. Stets hat er den Schalk im Nacken, denn er ist ein witziger Mann. Über Oettinger lacht nämlich nicht nur die Bierfachschaft, sondern manchmal auch sein Arbeitsumfeld. So muss er von der eigenen Kommission zensiert werden, wenn er seinen wirren Gedankenfäden mal wieder freien Lauf lässt. Aus gesundheitspolitischen Gründen, Prävention von Tod durch Zwerchfellverendung. Oettinger reden zu hören, ist wie totgekitzelt zu werden.

Doch wer ist dieser Mann, mit den lustigen Wörtern und dem Sprachtalent? Seit einiger Zeit ist er Europas Chef des Interwebs, des Cyberspace, oder wie die jungen Leute es auch immer nennen. Jedenfalls ist er der europäische Digitalkommissar und ist damit für eine Menge zukunftsweisender Entscheidungen zuständig. Doch bevor wir unsere mulmigen Vorahnungen Überhand nehmen lassen, werfen wir doch erst Mal einen kleinen Blick auf seine Vita:
Ein bodenständiger Kerl, der seine Bedürfnisse zügeln kann. Sehnte er sich einst noch nach unterirdischen Bahnhöfen, will er heute lediglich den digitalen Binnenmarkt. Ein höchst demokratisches Ziel, schließlich profitiert jeder davon. Wobei jeder hier jene, mit ausreichenden Mitteln, meint. Jene, die flüssig genug sind, um auf der Überholspur zu fahren, oder eben jene, die die Datenautobahnen bauen. Zum Beispiel die Netzkonzerne und Provider. Denen wollte der Kommissar nämlich vor nicht allzu langer Zeit mal tüchtig unter die Arme greifen. Als erste Amtshandlung, sozusagen.

Denn Günther Oettinger weiß, was er will, er ist ein Mann von Welt. Oder zumindest ein Mann, der von wirtschaftlichen Weltenbummlern umgeben ist. Solche wie VW-Chef Martin Winterkorn, der ihn nach einem kleinen Têtê-a-têtê die Schnapsidee dieser lächerlich niedrigen CO2-Grenzwerte ausreden konnte.
Auch für seinen Gerechtigkeitssinn ist er bekannt. Die grünen Kraftwerke sollen 130 Mio. Euro Subventionsgelder bekommen? „Unfair! Umverteilung!“, schrie der Fachmann, und teilte die Moneten unter Kohle- und Atomkraftwerken (fast) gerecht auf. Guten Freunden gibt man eben ein Küsschen.

Nun sitzt der Ecclestone vom Schwabenland in Brüssel und versucht vergeblich, seinen Computer anzuschalten. Vor Wut vergleicht Netzaktivisten mit islamistischen Gotteskriegern. Das wird man ja noch sagen dürfen. Denn Netzneutralität, das ist „ein Tallaban-Artiges Thema“ und „Gleichmacherei“, Terrorismus und Kommunismus in einem, quasi. Schlimmer geht’s nimmer. Auf der anderen Seite sagt er voller Überzeugung: „Es kann keine Diskriminierung geben. Wir brauchen Netzneutralität.“

Wer ist dieser Mann, was ist sein Auftrag, welchen Wahnsinn will er über uns bringen? Ihn zu verstehen heißt durch Null zu teilen.

Doch was meinen wir, wenn wir von Netzneutralität reden? Vertraut man Wikipedia, heißt es: „Netzneutralität bezeichnet die Gleichbehandlung von Daten bei der Übertragung im Internet.“
Wird man etwas konkreter, meint das die Ablehnung einer EU-weiten Internet-Überholspur.
In der Theorie erlaubt diese sogenannten „Spezialdiensten“ eine schnellere Verbindung, im besten Fall in Echtzeit. Wer diese Dienste sind, wird lediglich angedeutet.
Dass das durch ein kräftiges Mitmischen von Lobbies und Konzernen dazu führen wird, dass bezahlkräftige Kunden einen Netzvorteil genießen, während die normalen Nutzer auf der Strecke bleiben, will in Brüssel keiner hören.

So viel zum Thema.
Welche Argumente bringen Oettinger and Friends also vor, womit ließe sich die Aufteilung des letzten freien Raums in ein Zwei-Klassen-System rechtfertigen?
Warum ist es für die widerborstigen Europäer so wichtig, zu begreifen, wie dringend sie eine industriefreundliche Digitalunion brauchen? Es geht nicht um die Verteidigung westlicher Werte, nicht um den Kampf gegen den Terror und auch Putin ist nicht der Grund der Dringlichkeit.
Es geht um nicht etwas nicht weniger Existenzielles als unser Leben.
Selbstfahrende Autos, Internet-OPs, das sind die Maßnahmen, die unser Dasein retten können! Und ein einheitlich zugängliches Netz, das beißt sich mit Verkehrssicherheit und Krankenversorgung! Warum? Fragen Sie Günther Oettinger! Aber erhoffen Sie sich nicht zuviel, Fragen auf vorgeschriebene Lobbyistenkärtchen stoßen bei ahnungslosen Politikern oft auf Verständnislosigkeit.
Seine kruden Thesen widerlegte übrigens Thomas Knüwer von Indiskretion Ehrensache.
Wie kann man jemaden, der im Angesicht von digital natives und Netzneutralität noch hinkende Analogien zum Straßenverkehr zieht mit einem Amt betreuen, das so maßgeblich wie selten eins für die künftige Gesellschaft Europas ist?
Chapeau, Monsieur Juncker und Co., als überzeugten Europäern, als die Sie sich geben, müsste man Ihnen entweder schlimmsten Dilettantismus oder schlichtweg Böswilligkeit unterstellen. Beides qualifiziert Sie nicht für Ihr Amt.

Nachdem nun geleakt wurde , welche haarsträubenden Vorschläge für respektive gegen den Datenschutz von den Mitgliedstaaten kommen, wäre es umso mehr erforderlich, einen EU-Apparat zu haben, dessen Verantwortliche im Sinne der Bürger, der Nutzer und Endverbraucher agiert und zugunsten der Nachhaltigkeit auf das schnelle Geld verzichtet.

Günther Oettinger kann darüber nur lachen. Wie gesagt, er ist ein witziger Mann.

Bitte nicht, Brisant

Hotelfernsehen ist der Gipfel der Zwischenfreuden. Ein Interims zwischen Ausflug und Abendessen, das es einem ermöglicht, sich ganz hastig die unterklassigen TV-Produktionen dieser Tage einzuverleiben. Man kann sich mal ganz flugs vergewissern, für was man die öffentlich Rechtlichen denn abseits von Tatort und Tagesschau so bezahlt, und mir nichts dir nichts sieht man sich in der Vorabendhölle gefangen.
Beschämend. Besonders dann, wenn eine Berichterstattung über Badesalze folgt. Von BRISANT.

Wenn man ein Thema aufgreift, was seinen medialen Zenit vor etwa zwei Jahren genoss, als ein mutmaßlicher Zombie auf Badesalzen einem Mann das Gesicht wegfraß (wir erinnern uns), und welches danach stückweise in die belanglose Welt der Nebensächlichkeiten abdriftete, sollte man mit einem gewissen Abstand an die Sache herangehen.
Hilfreich wäre dabei, zuallererst den Lieblingsterminus der Springer-Presse – „Horror-Droge“ – Beiseite zu lassen. Denn verursacht dieser der Hugo-süffelnden Hausfrau noch immer einen gehörigen Schrecken vor der kranken Welt des Rauschgiftsüchtigen, so ist der Boulevard-Begriff der Qualität eines Beitrages nun wirklich nicht zuträglich.

Ferner unpraktisch ist es, für einen Bericht über eine Droge, wie auch immer sie geartet sei, ausschließlich im Freistaat Bayern zu recherchieren, es sei denn man ist an einer Cross-Recherche zu den Themen Repression und Polizeigewalt interessiert.
So wirft die recht dilettantische Herangehensweise der Produktion einige Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit auf, und irgendwann beginnt man sich zwangsläufig zu fragen, warum man eigentlich von einem lieber anonym bleibenden Heroinsüchtigen aus dem Halbschatten über die Gefahren der Badesalze aufgeklärt wird, der laut Aussage des Kommentators „seit 30 Jahren an der Nadel hängt“, zeitgleich aber behauptet, seine eigene Sucht unter Kontrolle zu haben. Puh. Harte Kost.

Erquickend unerfahren wirkt dagegen die grünschnäblige Sozialarbeiterin, als sie vor lauter Aufregung mit dieser rhetorischen Perle glänzt: „Dieses Zeug ist potenter als äh… Cannabis, als Heroin, oder äh… jegliche andere Drogen, die… bisher einfach illegal sind“.
Brillant!

Mein limbisches System füttert mein Hirn mit Schamgefühl, bis es überläuft. Ich schäme mich für die verwirrte Frau im Fernsehen, ich schäme mich für die Nulpen von BRISANT, die deren offensichtliche Neigung zur geistigen Umnachtung so radikal propagieren und letztendlich schäme ich mich für mich selbst, der ich in meinem Bett liege und mich lieber schäme, als mir im Speisesaal den Wanst mit vollzuschlagen. Zeit zu gehen.

Könige der Lüfte

Es ist Samstag, 16:30 Uhr.

Eigentlich wäre jetzt die Zeit, darüber nachzudenken, das Frühstück noch um eine weitere Stunde aufzuschieben, zugunsten der fesselnden Möglichkeiten der Unterhaltungselektronik oder irgendeiner anderen erfolgreichen Art der Prokrastination.

Stattdessen befinde ich mich 11277 Meter über der Erdoberfläche, eingepfercht zwischen Kunstledersitzen und unbequemen Plastikarmaturen. In der linken Hälfte meines Gluteus Maximums tobt ein Kampf auf Leben und Tod, meine Knie verlieren langsam die Kraft zur Revolution, nur gelegentlich reicht es noch für ein zaghaftes Aufbegehren.

Es ist ein Traum, so alt wie die Menschheit selber. Indoktriniert durch jahrelangen Dokukonsum versuche ich meine Qualen mit diesem Eröffnungsplädoyer der letzten 25 Jahre an Luftfahrtberichterstattungen zu rechtfertigen. Sei still und genieße, was Da Vinci nie vergönnt war, sage ich mir.

Doch der Querulant in mir schreit vor Empörung. Wann ist dieser Traum denn zu etwas verkommen, was uns nachts schweißgebadet aufwachen und zur Wasserflasche greifen lässt, wobei wir unsere Nachttischlampe herunterwerfen und vor nacktem Grauen erst zur Morgenröte wieder langsam in den Schlaf zittern? Ein Traum, der uns auf dem morgendlichen Weg in die Dusche noch an den Fersen haftet und in der fragilsten Stunde unserer Existenz die ganze Schrecklichkeit seines Daseins erahnen lässt.

Ihre Gesichter ob der Einhaltung ihrer Pflicht zu grotesken Grimassen des Grinsens verzogen bemühen sich die Stewardessen, mir die Freuden eines Kaltgetränks näherzubringen. Gegen Bares, wie sich herausstellt, genauso wie die Kaufoption auf ein Nackenkissen oder ein Kopfhörerpaar mit Doppelklinke, wie es sie so nur in Flugzeugen gibt und die später in irgendeiner Kiste verstauben und verrotten, weil man sich doch nicht durchringen kann, sie wegzuwerfen.

Ich blicke aus dem Fenster und auf ein Panorama. Ein Augenblick der Erhabenheit ergreift mich, als wir schneebedeckte Gipfel passieren. Ich denke an Reinhard May, und für einen Moment teile ich seine Gefühle über jenen Ort über den Wolken.

Dann denke ich an Max Frisch und die Exklusivität des Fliegens der 50er Jahre. Ich denke an Herrn Faber und die alkoholgeschwängerte Luft stilvoller Flughafenbars, an Ledersessel, Beinfreiheit und Stewardessen mit langen Beinen, die den whiskeytrinkenden Geschäftsmännern schöne Augen machen.

Ein Zeitsprung und ich sitze neben Christian Krachts namenlosen Reisenden im Nichtraucherabteil und zünde mir eine Zigarette an, ohne Konsequenzen. Ich möchte rauchen.

Fliegen als Königsklasse der Fortbewegung, als Inbegriff von Grenzenlosigkeit ist heute nurmehr eine Farce seiner Selbst, der Archetyp der Bewegungsfreiheit hat heute den Charme einer Fernbusfahrt nach Frankfurt-Hahn. Die Gebrüder Wright, Charles Lindbergh, Phileas Fogg, Peter Pan, Helden einer vergessenen Romantik.

Dieser Gedanke hinterlässt mich in stummer Resignation. Voller Mitgefühl denke ich an den Fall mächtiger Königreiche, an chancenlose Antilopenmütter, die zusehen müssen, wie ihre Jungen von wilden Raubkatzen gerissen werden, an Zinedine Zidanes Abschiedsspiel, an weinende Babykatzen.

Eine nuschelnde Stimme aus dem Lautsprecher holt mich wieder zurück. Meine linke Pobacke liefert sich die Schlacht von Helms Klamm. Man müsste meinen, irgendwann entscheidet sich das Netz aus Venen und Arterien da unten, die Durchblutung einzustellen, doch diese Ganoven haben anscheinend andere Pläne.

Vor meinem inneren Auge sehe ich einen Adler in die Turbinen eines EasyJets geraten. Ich nicke wissend und verdrücke eine Träne.

Viel Jauch um Nichts

Ein semi-illustres Quartett gab sich am Sonntag Abend bei Günther Jauch ein kleines Stelldichein. Neben dem Talkmaster fanden sich ein: Wladimir Grinin, russischer Botschafter sowie  Andrij Melnyk, ukrainischer Botschafter; ihnen gegenüber saß Norbert Röttgen, ehemaliger Innenminister und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.

DIe Rollenverteilung überraschte wenig, es wurde ein nicht anders zu erwartendes 3 gegen 1 ausgefochten, mit einem gelassen bis gelangweilt wirkenden Grinin auf der einen Seite und einer Troika aus Jauch, Röttgen und einem argumentativ wenig innovativen Melnyk auf der anderen. Letzterer hatte gerade in der ersten Hälfte nicht viel zu erzählen, nahmen ihm die beiden Deutschen doch die meisten Argumente aus dem Mund, bevor er sie ausformulieren konnte.

Putin sei mit Waffengewalt nicht zu beeindrucken, wiederholte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses die Worte Angela Merkels. Putin widerspricht sich laufend, erklärte der Moderator.

Boulevardeske Filmchen mit dramatischer Untermalung demonstrierten die Doppelzüngigkeit des russischen Usurpators; bisweilen begann man, betreten zu Boden zu blicken.

Die Ergebnisse von Minsk II führten mehrheitlich zu dem Schluss, dass ja eigentlich alle damit zufrieden wären und es jetzt an Putin sei, sich um das Einhalten der Waffenruhe zu kümmern.

Grinins Strategie, allen Ausführungen Röttgens per se erst mal zuzustimmen, entlockte diesem nach dem zweiten Mal auch keinen irritierten Blick mehr.

Man diskutierte über Waffenlieferungen und verlor sich zwischenzeitlich in altbekannten Vorwürfen an die Gegenseite.

Schnell war klar, was viele Zeitungen in diesen Tagen so passend Titeln: Im Osten nichts Neues.

Wer trotz lauter Augenreiben dennoch das Blinzeln nicht vergessen hatte, konnte ein kleines Detail entdecken. Ukrainische Asow-Truppen posieren vor einer Hakenkreuzflagge. Das Foto ist bekannt, auch das zdf berichtete vor einigen Monaten schon über SS-Runen tragende Paramilitärs unter der Flagge von Kiew. Jetzt wäre die Chance, den versäumten kritischen Dialog nachzuholen.

Herr Melnyk, was sagen Sie dazu? Richtig, in Zeiten der Not waren es patriotische Freiwillige, die es wagten, dem russischen Aggressor die Stirn zu bieten und für ihr Vaterland zu kämpfen.

Günther Jauch hatte die Chance, die mehr oder weniger unter den Teppich gekehrte Frage nach nationalsozialistischen Strömungen in der Ukrainischen Armee wieder aufzuklopfen. Eine kritische Diskussion anzustoßen, über die grundlegenden Aspekte des Freiheitsbegriffes in einer Armee, die keine ist, in einer Revolution, die keine sein darf, in einem kriegsgebeutelten Land, welches gar keinen Krieg haben kann, liegt es doch in Europa und somit fern allen Übeln.

Er verpasste diese Gelegenheit, und fünf Minuten nach der hastigen Überleitung zum nächsten Moderationskärtchen dachte auch schon keiner der Anwesenden mehr an die eben vorüber gehuschte Möglichkeit, einen Funken zu entzünden in der Diskussion über diesen Konflikt, der so festgefahren scheint, dass man es kaum aushalten möchte.