Könige der Lüfte

Es ist Samstag, 16:30 Uhr.

Eigentlich wäre jetzt die Zeit, darüber nachzudenken, das Frühstück noch um eine weitere Stunde aufzuschieben, zugunsten der fesselnden Möglichkeiten der Unterhaltungselektronik oder irgendeiner anderen erfolgreichen Art der Prokrastination.

Stattdessen befinde ich mich 11277 Meter über der Erdoberfläche, eingepfercht zwischen Kunstledersitzen und unbequemen Plastikarmaturen. In der linken Hälfte meines Gluteus Maximums tobt ein Kampf auf Leben und Tod, meine Knie verlieren langsam die Kraft zur Revolution, nur gelegentlich reicht es noch für ein zaghaftes Aufbegehren.

Es ist ein Traum, so alt wie die Menschheit selber. Indoktriniert durch jahrelangen Dokukonsum versuche ich meine Qualen mit diesem Eröffnungsplädoyer der letzten 25 Jahre an Luftfahrtberichterstattungen zu rechtfertigen. Sei still und genieße, was Da Vinci nie vergönnt war, sage ich mir.

Doch der Querulant in mir schreit vor Empörung. Wann ist dieser Traum denn zu etwas verkommen, was uns nachts schweißgebadet aufwachen und zur Wasserflasche greifen lässt, wobei wir unsere Nachttischlampe herunterwerfen und vor nacktem Grauen erst zur Morgenröte wieder langsam in den Schlaf zittern? Ein Traum, der uns auf dem morgendlichen Weg in die Dusche noch an den Fersen haftet und in der fragilsten Stunde unserer Existenz die ganze Schrecklichkeit seines Daseins erahnen lässt.

Ihre Gesichter ob der Einhaltung ihrer Pflicht zu grotesken Grimassen des Grinsens verzogen bemühen sich die Stewardessen, mir die Freuden eines Kaltgetränks näherzubringen. Gegen Bares, wie sich herausstellt, genauso wie die Kaufoption auf ein Nackenkissen oder ein Kopfhörerpaar mit Doppelklinke, wie es sie so nur in Flugzeugen gibt und die später in irgendeiner Kiste verstauben und verrotten, weil man sich doch nicht durchringen kann, sie wegzuwerfen.

Ich blicke aus dem Fenster und auf ein Panorama. Ein Augenblick der Erhabenheit ergreift mich, als wir schneebedeckte Gipfel passieren. Ich denke an Reinhard May, und für einen Moment teile ich seine Gefühle über jenen Ort über den Wolken.

Dann denke ich an Max Frisch und die Exklusivität des Fliegens der 50er Jahre. Ich denke an Herrn Faber und die alkoholgeschwängerte Luft stilvoller Flughafenbars, an Ledersessel, Beinfreiheit und Stewardessen mit langen Beinen, die den whiskeytrinkenden Geschäftsmännern schöne Augen machen.

Ein Zeitsprung und ich sitze neben Christian Krachts namenlosen Reisenden im Nichtraucherabteil und zünde mir eine Zigarette an, ohne Konsequenzen. Ich möchte rauchen.

Fliegen als Königsklasse der Fortbewegung, als Inbegriff von Grenzenlosigkeit ist heute nurmehr eine Farce seiner Selbst, der Archetyp der Bewegungsfreiheit hat heute den Charme einer Fernbusfahrt nach Frankfurt-Hahn. Die Gebrüder Wright, Charles Lindbergh, Phileas Fogg, Peter Pan, Helden einer vergessenen Romantik.

Dieser Gedanke hinterlässt mich in stummer Resignation. Voller Mitgefühl denke ich an den Fall mächtiger Königreiche, an chancenlose Antilopenmütter, die zusehen müssen, wie ihre Jungen von wilden Raubkatzen gerissen werden, an Zinedine Zidanes Abschiedsspiel, an weinende Babykatzen.

Eine nuschelnde Stimme aus dem Lautsprecher holt mich wieder zurück. Meine linke Pobacke liefert sich die Schlacht von Helms Klamm. Man müsste meinen, irgendwann entscheidet sich das Netz aus Venen und Arterien da unten, die Durchblutung einzustellen, doch diese Ganoven haben anscheinend andere Pläne.

Vor meinem inneren Auge sehe ich einen Adler in die Turbinen eines EasyJets geraten. Ich nicke wissend und verdrücke eine Träne.

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Viel Jauch um Nichts

Ein semi-illustres Quartett gab sich am Sonntag Abend bei Günther Jauch ein kleines Stelldichein. Neben dem Talkmaster fanden sich ein: Wladimir Grinin, russischer Botschafter sowie  Andrij Melnyk, ukrainischer Botschafter; ihnen gegenüber saß Norbert Röttgen, ehemaliger Innenminister und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.

DIe Rollenverteilung überraschte wenig, es wurde ein nicht anders zu erwartendes 3 gegen 1 ausgefochten, mit einem gelassen bis gelangweilt wirkenden Grinin auf der einen Seite und einer Troika aus Jauch, Röttgen und einem argumentativ wenig innovativen Melnyk auf der anderen. Letzterer hatte gerade in der ersten Hälfte nicht viel zu erzählen, nahmen ihm die beiden Deutschen doch die meisten Argumente aus dem Mund, bevor er sie ausformulieren konnte.

Putin sei mit Waffengewalt nicht zu beeindrucken, wiederholte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses die Worte Angela Merkels. Putin widerspricht sich laufend, erklärte der Moderator.

Boulevardeske Filmchen mit dramatischer Untermalung demonstrierten die Doppelzüngigkeit des russischen Usurpators; bisweilen begann man, betreten zu Boden zu blicken.

Die Ergebnisse von Minsk II führten mehrheitlich zu dem Schluss, dass ja eigentlich alle damit zufrieden wären und es jetzt an Putin sei, sich um das Einhalten der Waffenruhe zu kümmern.

Grinins Strategie, allen Ausführungen Röttgens per se erst mal zuzustimmen, entlockte diesem nach dem zweiten Mal auch keinen irritierten Blick mehr.

Man diskutierte über Waffenlieferungen und verlor sich zwischenzeitlich in altbekannten Vorwürfen an die Gegenseite.

Schnell war klar, was viele Zeitungen in diesen Tagen so passend Titeln: Im Osten nichts Neues.

Wer trotz lauter Augenreiben dennoch das Blinzeln nicht vergessen hatte, konnte ein kleines Detail entdecken. Ukrainische Asow-Truppen posieren vor einer Hakenkreuzflagge. Das Foto ist bekannt, auch das zdf berichtete vor einigen Monaten schon über SS-Runen tragende Paramilitärs unter der Flagge von Kiew. Jetzt wäre die Chance, den versäumten kritischen Dialog nachzuholen.

Herr Melnyk, was sagen Sie dazu? Richtig, in Zeiten der Not waren es patriotische Freiwillige, die es wagten, dem russischen Aggressor die Stirn zu bieten und für ihr Vaterland zu kämpfen.

Günther Jauch hatte die Chance, die mehr oder weniger unter den Teppich gekehrte Frage nach nationalsozialistischen Strömungen in der Ukrainischen Armee wieder aufzuklopfen. Eine kritische Diskussion anzustoßen, über die grundlegenden Aspekte des Freiheitsbegriffes in einer Armee, die keine ist, in einer Revolution, die keine sein darf, in einem kriegsgebeutelten Land, welches gar keinen Krieg haben kann, liegt es doch in Europa und somit fern allen Übeln.

Er verpasste diese Gelegenheit, und fünf Minuten nach der hastigen Überleitung zum nächsten Moderationskärtchen dachte auch schon keiner der Anwesenden mehr an die eben vorüber gehuschte Möglichkeit, einen Funken zu entzünden in der Diskussion über diesen Konflikt, der so festgefahren scheint, dass man es kaum aushalten möchte.